Mobile Tiny Houses:
die Anforderungen an den Trailer

Gastbeitrag von Bernhard Thome – Bei einem mobilen Tiny House wird der Trailer, also das Fahrgestell – wir bei Tech Tiny House nennen es Chassis – nicht selten wie ein notwendiges Übel behandelt. Klar, man braucht einfach eine Anhängerkupplung und Räder, und einen Rahmen, auf dem das Tiny House gebaut wird. Entsprechend wird meist ein billiger Anhänger verwendet. Und die allermeiste Zeit tut es das auch.
Solche Anhänger basieren dann in ihrer Bauweise z.B. auf Anhängern, die ursprünglich für andere Zwecke entwickelt wurden und an denen leichte Veränderungen für die Vermarktung als Tiny-House-Anhänger vorgenommen wurden.
Nun fungiert das Chassis bei einem mobilen Tiny House aber als Fundament, als Verbindung zum Erdboden – nicht nur bei Fahrt, sondern auch im Stand. Soll es die notwendige Sicherheit und Stabilität bieten, muss es für die statischen und dynamischen Erfordernisse eines Tiny Houses ausgelegt sein. Ganz nach dem Grundsatz „eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“ kann die Sicherheit und Langlebigkeit des gesamten Tiny Houses nie besser sein als die seines Fundaments, des Chassis.

Anforderungen an einen Tiny-House-Trailer

Was nun ist besonders an der Last, die ein Tiny House darstellt?
Ein „normaler“ Anhänger – egal ob zunächst als Bootsanhänger konzipiert oder als Transportanhänger für allgemeine Lasten – trägt die höchste Last in oder nahe der Mitte der Tragfläche. Die Konstruktion ist in diesem Fall also so ausgelegt sein, dass das Chassis die hohe Last an dieser Stelle ohne wesentliche, vor allem ohne dauerhafte, Verformung tragen und über Achsen und Räder an den Erdboden ableiten kann. Desto näher man an den Außenrand des Chassis kommt, desto geringer sind (normalerweise!) die Lasten, die an dieser Stelle auf die Tragfläche wirken, und desto geringer die Stabilitätsanforderungen an das Chassis an dieser Stelle und an die Weiterleitung der dort entstehenden Kräfte an Achsen und Räder. Am geringsten sind die Anforderungen am äußersten Rand des Chassis.

Die Lastverteilung – spezielle Anforderungen für Tiny-House-Trailer

Ganz anders sieht es bei Tiny Houses aus: Ein Tiny House als Last bringt durch seine Außenwände die höchste Last auf den Außenrand des Chassis. Entsprechend muss das Chassis hier besonders gut hohe Kräfte aufnehmen und weiterleiten können, etwa durch speziell konstruierte Kragarme, die vom Chassisrahmen nach außen gehen, oder direkt durch den Chassisrahmen. Der Rahmen selbst muss dann diese hohen Kräfte an Achsen und Räder weiterleiten können.

Nun kann man versucht sein, als wirkende Kräfte lediglich das Gewicht des Tiny Houses selbst anzusehen. Das ist im Stand und bei Windstille und ohne Schnee auch möglich. Ein mobiles Tiny House muss aber auch während einer Fahrt stabil und sicher sein. Während der Fahrt wirken zusätzliche Kräfte – dies sind z.B. Beschleunigungs- und Bremskräfte, vor allem bei starker Bremsung und bei Kurvenfahrt. Solche Kräfte sind zudem mit Windkräften kombiniert: Neben dem normalen Fahrtwind können dies vor allem Gegenverkehr durch große LKW oder plötzliche Böen sein. Natürlich sollte man bei einer Witterung mit starken Winden oder Böen nicht mit einem Tiny House fahren. Trotzdem stellen Kurvenfahrten zusammen mit Windkräften eine enorme Belastung des Tiny Houses dar.

Windkräfte – eine zusätzliche Belastung für die gesamte Konstruktion

Diese Kräfte wirken zunächst auf die Außenwände und senkrechten Eck-Außenbalken des Tiny Houses:
Besonders stark wirken die Kräfte auf die Eckbalken. Dort müssen sie von den Ecken des Chassis aufgenommen und über den Außenrahmen des Chassis auf Achsen und Räder geleitet werden.
Die Kräfte auf die Außenwände müssen von der Schwelle des Tragwerks aufgenommen und dann auf den Außenrahmen des Chassis und weiter auf Achsen und Räder abgeleitet werden.

Im Stand muss ein Tiny House auch stärkeren Winden und Böen standhalten können, auch Stürmen. Bei einer statischen Berechnung stellt sich heraus, dass diese Lastfälle meist die höchsten Anforderungen an Tragwerk und Chassis stellen. Auch hierbei sind die Kräfte auf Außenwände und senkrechte Eck-Außenbalken, und damit an den Ecken und am Rahmen des Chassis, am stärksten.
Wir sehen also, dass ein Tiny-House-Chassis vor allem an den Ecken und am Außenrahmen stabil sein muss.

Starre Längstraversen – Schutz gegen Durchbiegung des Chassis

Eine besondere Herausforderung bei längeren Chassis kann auch die Durchbiegung des Chassis über seine Länge darstellen. Bei jedem Chassis, dessen hintere Achse sich nicht direkt unter dem hinteren Ende des Chassis befindet, wird sich eine Durchbiegung ergeben. Bei billigen Anhängern kommt es aber durchaus vor, dass diese Durchbiegung so stark ist, dass der Anhänger mit der Last eines Tiny Houses schon bei einer normalen Straßenfahrt und hoher Straßensteigung hinten aufsetzt.
Daher ist es wichtig, dass die Konstruktion eines Tiny-House-Chassis die deutsche Normung für die Steigung bei öffentlichen Straßen berücksichtigt, die sogenannte Wannenausrundung. Der Längsteil des Außenrahmens, die sogenannten Längstraversen, müssen ausreichend starr sein, damit die Durchbiegung so gering bleibt, dass sowohl eine dauerhafte Verformung der Traversen selbst, als auch eine solch starke Durchbiegung vermieden wird, dass das Chassis auf der Straße aufsetzen könnte.

Trailer, speziell für Tiny Houses entwickelt

TechTinyHouse hat, in Zusammenarbeit mit erfahrenen mittelständischen Anhängerbauern und mit geprüften Statikern für Holz und Metall ein Chassis entwickelt, dass die Anforderungen erfüllt, die spezifisch von Tiny Houses herrühren. Bei der notwendigen Stabilität wurden keine Kompromisse gemacht, jedoch wurden bei Erfüllung der Stabilitätsanforderungen ebenfalls Maßnahmen zur Gewichtsminimierung getroffen, so dass das Chassis für seine Stabilitätsklasse ein Leichtbau-Chassis darstellt.

Die bei Bau und bei Fahrt verschiedener Tiny Houses gemachten Erfahrungen haben zudem weitere leichte Optimierungen der Eigenschaften des Chassis ermöglicht, so dass jetzt ein ausgereiftes Produkt speziell für mobile Tiny Houses existiert. Überdies kann das Chassis individuell auf jedes Tiny-House-Projekt angepasst werden. Mit einer Modellierung des Tragwerks und gegebenenfalls der Berücksichtigung von Schneezone und Windzone kann durch eine Statikberechnung des Tragwerks und die Berücksichtigung der durch die spezifisch auf dieses Tragwerk wirkende Kräfte mithilfe einer Finite Elemente Simulation das Chassis an besonders beanspruchten Stellen gezielt verstärkt werden und so Sicherheit und Langlebigkeit des Tiny Houses weiter optimiert werden.

Bildquellen: Tech Tiny House


Über den Gastautor

Bernhard Thome bildet mit Brendan Thome und Sina Martensen das Kernteam von Tech Tiny House. Das Unternehmen hat sich auf die Entwicklung von Tiny Houses nach Ingenieursart spezialisiert. Nach eigenem Bekunden ziehen die drei ihre Leidenschaft für Tiny Houses „aus dem Reiz der Arbeit an einem sich stetig optimierenden System, deren Ergebnis in „echten“ Wohnalternativen mit extremer Individualität und keinem Kompromiss hinsichtlich Stabilität und Werthaltigkeit mündet. Wir empfinden Tiny Houses als Demokratisierung des (Im)mobiliensektors.“ Durch Tech Tiny House können Sie sich individuell für Ihr Bauvorhaben einen Trailer entwickeln und sich aber genauso zur Konzeption des Ständerwerks und zur Grundrissplanung beraten lassen. Außerdem bietet Tech Tiny House regelmäßig Workshops an, die einen tiefen Einblick in den Bau eines Tiny Houses und das darin gewähren.
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