Tiny Houses auf der Straße. Rechtliche Grundlagen.

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Jenna und Guillaume Dutilh unterwegs durch die USA und Kanada: Tiny House, Giant Journey.

 

Braucht ein Tiny House eine Straßenverkehrszulassung?

Tiny Houses haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie klein genug sind, um von einem Ort zum anderen transportiert werden zu können – potenziell also das ideale Domizil für moderne Nomaden. Tiny Houses können direkt auf einen fahrbaren Untersatz gebaut werden und ziehen bei einem nötigen oder gewünschten Ortswechsel gleich mit um.

Wer in Deutschland jedoch ein Fahrzeug oder einen Anhänger auf öffentlichen Straßen betreiben will, muss es zur Zulassung durch die zuständige Straßenverkehrsbehörde anmelden. Das Zulassungsverfahren ist in Deutschland seit dem 1. März 2007 durch die Fahrzeug-Zulassungsverordnung (FZV) geregelt. Der Zulassungspflicht im Straßenverkehr unterliegen Kraftfahrzeuge mit einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit von mehr als sechs km/h und ihre Anhänger.

In den folgenden Fällen kann ein Anhänger ohne TÜV auf die Straße:

  • Anhänger im Schaustellergewerbe (die Zugmaschine muss im Schaustellergewerbe betrieben werden, mit Gewerbezulassung für Schausteller)
  • Anhänger im land- und forstwirtschaftlichen Betrieb
  • Fahrbare Baubuden (d.h. Bauwagen, die auch tatsächlich auf Baustellen als Geräte- oder Personalwagen genutzt werden).

In den genannten Fällen wird für den Anhänger zwar kein TÜV, aber eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) für in Serie gefertigte Modelle, oder eine Einzelbetriebserlaubnis benötigt. Ausgenommen von dieser Pflicht sind zulassungsfreie Anhänger, die vor dem 1. Juli 1961 in Verkehr gekommen sind (FZO § 50 Absatz 1). Bedingungen für die Zulassungsfreiheit sind außerdem, dass, unabhängig von der technisch bedingten Höchstgeschwindigkeit der Zugmaschine, die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit mit dem Anhänger 25 km/h nicht überschreitet. Sofern die Zugmaschine für höhere Geschwindigkeiten ausgelegt ist, muss der Anhänger auf den Längsseiten und an der Rückseite außerdem durch das sogenannte 25km/h-Schild gekennzeichnet sein.

Da Tiny Houses unter keine der drei Kategorien fallen, gilt für sie KEINE Zulassungsfreiheit. Tiny Houses können bei nur gelegentlichem Transportbedarf entweder mit einer Kurzzeitzulassung transportiert werden (Kurzzeitkennzeichen für den Anhänger) – hierbei gilt im Übrigen keine generelle Höchstgeschwindigkeit, sofern einzelne Bauteile, wie z.B. die Reifen, nicht auf niedrigere Geschwindigkeiten ausgelegt sind – oder man organisiert sich z.B. einen Transport durch einen Schausteller. Für die dauerhafte Straßenzulassung des rollenden Zuhauses ist dagegen eine Einzel-Betriebserlaubnis (EBE) erforderlich.

Tiny House mit Wohnwagenzulassung

tuevDie Betriebserlaubnis ist die Anerkennung der Vorschriftsmäßigkeit eines Fahrzeugs – in diesem Fall des Typs „Wohnwagen“. Sie wird auf Basis des Gutachtens eines amtlich anerkannten Sachverständigen oder Prüfers des TÜV oder – außer in BW und BY – alternativ der DEKRA erteilt. Diese Betriebserlaubnis gilt dann als nationale Typgenehmigung. Für den Betrieb im Ausland ist eine separate Zulassung im entsprechenden Land oder eine Typgenehmigung gemäß der europäischen Rahmenrichtlinie 70/156/EWG (EG-Typgenehmigung) erforderlich.

Welche Bestimmungen muss ein Tiny House erfüllen um zulassungsfähig zu sein?

  • Maße: max. 4,00 m Höhe und 2,55 m Breite (inkl. Vorbauten und Überstände)
  • Gewicht: max. 3500 kg (bei entsprechender Fahrerlaubnis)
  • Sicherheitsglas in Fenstern und Türen (alternativ: für die Fahrt fest verschließbare Fensterläden)
  • Keine scharfen Kanten

 
An verschiedenen TÜV-Standorten kann man (solange es keine speziellen Standards für Tiny Houses gibt) eventuell noch auf eine mangelnde Bereitschaft treffen, Tiny Houses als Wohnwagen abzunehmen. Das Gegenargument der TÜV-Prüfer lautet dann in der Regel, dass Aufbauten mit Holzfassade aufgrund der Verletzungsgefahr durch splitterndes Holz bei Unfällen nicht abgenommen werden können.

Was spricht ansonsten gegen eine Zulassung als Wohnwagen?
Ein entscheidender Nachteil einer Wohnwagenzulassung sind versicherungsrechtliche Konsequenzen. So ist z.B. auch dauerhaftes Wohnen im Tiny House damit nicht mehr versicherungsfähig. Nicht zuletzt ist auch die Symbolkraft von Zulassungen als Wohnwagen nicht zu unterschätzen: Eine automatische Einordnung in diese Kategorie dürfte einer allgemeinen Anerkennung von Tiny Houses als vollwertige Wohnstätten und der Schaffung spezieller (auch baurechtlicher) Standards zur Etablierung von Tiny Houses im Städte- und Straßenbild nicht besonders förderlich sein.
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Alternativ: Zertifizierung des Tiny Houses als ordentlich gesicherte Ladung

Wenn ein Tiny House als Ladung deklariert werden soll, braucht es (auf einem TÜV-geprüften Trailer) keine zusätzliche Zulassung. Gemäß § 22 der Straßenverkehrsordnung ist die Ladung „so zu verstauen und zu sichern, dass sie selbst bei Vollbremsung oder plötzlicher Ausweichbewegung nicht verrutschen, umfallen, hin- und herrollen, herabfallen oder vermeidbaren Lärm erzeugen“ kann. Um als Ladung gelten zu können, muss der Aufbau allerdings auch so befestigt sein, dass er händisch (z.B. durch Verwendung von U-Bügeln und Flügelschrauben oder Twistlocks) wieder vom Hänger getrennt werden kann.
Die Verantwortung der Ladungssicherung liegt (lt. Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.) zwar beim Fahrer, Halter und beim Verlader, im Falle eines Unfalls oder bei einer Verkehrskontrolle kann es jedoch schwierig werden, eine sorgfältige Ladungssicherung zu belegen. Zur Absicherung gegen unberechtigte Forderungen einer gegnerischen Versicherung oder zur Dokumentation gegenüber der Polizei besteht vorab die Möglichkeit einer DEKRA-Zertifizierung als ordentlich gesicherte Ladung. Die Vorschriften für die „Ladungsvariante“ sind ansonsten mehr oder weniger die gleichen wie bei der Wohnwagenzulassung, jedoch stellt die Abnahme als Ladung eine mögliche Alternative dar, falls eine TÜV-Abnahme als Wohnwagen nicht möglich oder nicht gewünscht ist.

Zugmaschinen für Tiny Houses oder „Darf ich ein Tiny House hinter mein Auto hängen?“

Die Frage „Welche Anhängelast darf mein Wagen ziehen?“ kann nach einem Blick in die Fahrzeugspapiere beantwortet werden:

  • Unter Position 28 (Fahrzeugschein bis 2005) oder Position O.1 (Zulassungsbescheinigung ab 2005) steht, welche Last der Wagen gebremst ziehen darf.
  • Unter Position 29 (Fahrzeugschein bis 2005) oder Position O.2 (Zulassungsbescheinigung ab 2005) steht, welche Last der Wagen ungebremst ziehen darf.

 
Das dort angegebene Gesamtgewicht darf an die Anhängerkupplung gehängt werden.
Steht im Fahrzeugschein unter Position 28 also z.B. 1300 kg, dann darf zwar ein gebremster Tiny-House-Trailer mit 620 kg Eigengewicht (und maximal 680 kg Zuladung), aber eben nicht mit Tiny-House-Aufbau und dem sich daraus ergebenden Anhänger-Gesamtgewicht von annähernd 3,5 to drangehängt werden.
Ob man einen betreffenden Anhänger mit dem eigenen Pkw ziehen darf, ergibt sich also aus dem Eigengewicht des Anhängers plus der Ladung (die das für den Anhänger angegebene Zuladungsgewicht nicht übersteigen darf): Die Summe darf das in den Fahrzeugpapieren des potentiellen Zugfahrzeugs angegebene Anhängegewicht nicht überschreiten.
Neben der Anhängelast ist auch die zulässige Stützlast zu beachten.

Bis an die Grenze zu gehen, empfiehlt sich aber gerade beim Einbringen von Tiny Houses in den Straßenverkehr ebenfalls nicht, da der Aufbau sehr hoch ist, der Schwerpunkt dadurch ungünstig liegt und die Windanfälligkeit somit enorm ist. Eine Böe beim Überfahren einer Autobahnbrücke oder nur das Überholen eines LKWs kann den Anhänger da schon zum Schlingern bringen.
Zu überladen kann außerdem (zumindest vorläufig) die Fahrerlaubnis kosten und keine Versicherung zahlt, wenn mit dem Gespann ein Unfall passiert – weder für ihren eigenen Schaden, noch für Schäden am gegenerischen Fahrzeug, noch für Personenschäden und auch nicht für in Verbindung mit dem Unfall stehenden Folgekosten.
Fazit: „Normale“ Pkws kommen zum Ziehen von Tiny Houses nicht in Betracht. Lediglich SUVs, echte Offroader, einige amerikanische Automodelle und Transporter eignen sich für diesen Zweck.

Fahrerlaubnis zum Bewegen eines Tiny Houses im Straßenverkehr

Die Gründe warum 3500 kg die „magische Grenze“ beim Tiny-House-Bau darstellt, sind neben der Belastbarkeit des Trailers und des Zugfahrzeugs auch die Einschränkungen, die die verschiedenen Führerscheinklassen mit sich bringen:
Mit einer „alten“ Fahrerlaubnis (Klasse 3) dürfen nach Umtausch in einen neuen Führerschein – ohne die zuvor geltende Beschränkung auf 3 Achsen – die Fahrzeugklassen B, BE, C1, C1E und (bis zur Vollendung des 50. Lebensjahres) CE gefahren werden. Wer seine Fahrerlaubnis nach dem 31.12.1998 erhalten hat (Klasse B), braucht zum Lenken eines Pkw-/Tiny-House-Gespannes zusätzlich die Fahrerlaubnis der Klasse BE. Mit dieser Klasse darf eine Zugkombinationen aus einem Zugfahrzeug der Klasse B (Pkw) und einem Anhänger mit 3500 kg zulässiger Gesamtmasse geführt werden. Liegt das Gesamtgewicht des Anhängers über 3500 kg ist die Klasse C1E erforderlich.
Mit der Führerschein-Klasse B96 darf die zulässige Gesamtmasse des Gespanns maximal 4,25 to betragen. Zum Bewegen eines solchen Gespanns muss allerdings auch der Fahrzeugschein der Zugmaschine eine entsprechend hohe Anhängerlast zulassen.

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