Was sich Tiny Houses von Wohnmobilen abschauen können (4)

Gastartikel von Ulrich Dolde – Tiny Houses, Zirkus‐ und Bauwagen können von der Wohnmobiltechnik profitieren. Auf die Heizung und Warmwasserbereitung war ich bereits eingegangen. Wenden wir uns heute der Elektrik zu:

2. Wohnmobil‐Elektrik für Tiny Houses

Die Elektrik in Wohnmobilen ist in der Regel komplexer als die in einer Hausinstallation. Denn im Haus hat man es normalerweise mit 230 V zu tun und mit 380 V Kraftstrom für Herd und ggf. noch in der Garage für Hochleistungswerkzeug. Im Wohnmobil hat man es mit mindestens zwei Spannungssystemen zu tun, gegebenenfalls sogar mit drei, so wie das in unserem Fahrzeug der Fall. Denn bei einem Wohnmobil auf Lkw‐Basis stellt sich zunächst die Frage, ob die vorhandene 24‐V‐Bordnetzspannung des Lkws im Wohnaufbau fortgesetzt wird oder ob dort eine 12‐V‐Elektrik zum Einsatz kommt. In meinem Buch habe ich die jeweiligen Vor‐ und Nachteile in epischer Breite erläutert und es würde den Rahmen hier sprengen, diese hier ebenfalls aufzuführen, weil die Thematik nur von bedingter Relevanz ist.

Ich möchte hier nur die wichtigsten Punkte anführen, die bei mir zur Entscheidung geführt haben, im Wohnaufbau eine 12‐Volt‐Anlage zu installieren. Mein Hauptgrund hierfür liegt in der Tatsache begründet, dass Komponenten wie Batterien und Solarpanels immer 12 Volt liefern, zur Erzeugung von 24 Volt also immer zwei in Reihe geschaltet werden müssen. Will man nun beispielsweise die Batteriekapazität erhöhen, so kann man bei einer 24‐Volt‐Installation nicht einfach eine weitere Batterie zusätzlich installieren, sondern man ist gezwungen zwei Batterien zusätzlich zu verbauen, was unter Umständen aus Platzgründen nicht möglich ist. Ähnlich sieht es auf dem Dach mit den Solarpanels aus. Auch hier muss immer paarweise gearbeitet werden, was insbesondere bei kleineren Fahrzeugen zu Platzproblemen auf dem Dach führen kann.

Allerdings möchte ich hier auch gleich den Hauptnachteil einer 12‐Volt‐Installation ins Rennen führen: Eine 12‐Volt‐Installation bedarf deutlich dickerer und damit teurerer Kabel, weil hier bei gleicher Leistungsabnahme die doppelte Stromstärke fließt. Mit unterdimensionierten Kabeln erhöht sich das Risiko eines Kabelbrandes. Also gilt es gerade bei einer 12‐Volt‐Installation in einem Zirkus‐ oder Bauwagen oder in einem nicht ans Stromnetz angeschlossenen Tiny‐Haus, besonderes Augenmerk auf die richtige Berechnung der Kabelquerschnitte zu legen, die übrigens nicht nur von der Leistung der angeschlossenen Geräte abhängig sind, sondern auch von deren Länge. Je länger das Kabel, desto größer der Widerstand und desto größer muss der Kabelquerschnitt dimensioniert werden.

Der andere Grund, warum die Elektrik in Wohnmobilen so komplex ist, liegt in der Tatsache begründet, dass man in einem intensiv genutzten Fernreisemobil in der Regel immer auch ein 230‐ Volt‐Stromnetz verbauen wird. Denn viele Geräte wie Laptop, Föhn, vor allem aber Küchengeräte und Werkzeug sind in der 12‐ oder 24‐Volt‐Ausführung teurer und bei weitem nicht leistungsfähig genug. Deshalb verbaut man üblicherweise einen Wechselrichter, der die 12 oder 24 Volt der Aufbaubatterien in 230‐Volt‐Strom umwandelt. Der Wechselrichter ist dabei so zu dimensionieren, dass er die daran zu betreibenden Geräte auch mit der entsprechenden Leistung füttern kann. Braucht man täglich einen Haarföhn mit 2 kW Leistung, dann sollte der Wechselrichter also wenigstens diese 2 kW auch liefern können. Sollen parallel noch andere 230‐Volt‐Geräte betrieben werden, muss ein entsprechend leistungsfähigeres Gerät verbaut werden.
In Fall unseres Sternchens habe ich einen 1,5 kW Sinus‐Wechselrichter verbaut, an dem meine Frau Edith ihren Föhn betreiben kann oder ich wahlweise eine Flex, eine Bohrmaschine oder einen Heißluftföhn für die Verarbeitung von Schrumpfschläuchen. Das kann bei dieser Leistung natürlich immer nur nacheinander erfolgen, was aber auf Reisen kein Problem darstellen sollte.

votronic-wechselrichter

Der hier verbaute 1,5 kW‐Wechselrichter von Votronic ist das mittig am Boden montierte Gerät in dem silberfarbenen Gehäuse. Links davon ist der Solarregler zu sehen, rechts davon der Ladewandler, der die 24 Volt von der Lichtmaschine in 12 Volt für die Ladung der Aufbaubatterien umwandelt. Am Deckel meines Elektro‐Podests ist rechts ein 230‐Volt‐Ladegerät zur Ladung der 24‐Volt‐Starterbatterien verbaut, das türkisfarbene Gerät links davon ist ein 230 Volt Ladegerät für die Ladung der 12‐Volt‐Lithium‐Ionen‐Aufbaubatterien von Mastervolt.

So wird deutlich was es braucht, um die drei verschiedenen Stromsysteme in unserem Fahrzeug miteinander zu verbinden. Dabei ist neben einigen anderen Vorschriften zu beachten, dass 230‐Volt‐ Kabel nicht in den gleichen Kabelkanälen wie 12‐ oder 24‐Volt‐Kabel verlegt werden dürfen. Diese und weitere technische Vorschriften für die ordnungsgemäße Elektroinstallation findet man ebenfalls in meinem Buch, denn sie würden den Rahmen dieses Beitrags hier sprengen.

Der soll ja auch nur aufzeigen, welche Möglichkeiten und Optionen die ausgereifte Technik von Wohnmobilen heutzutage bietet und wo und in welchen Fällen sie für Bau‐ oder Zirkuswagen oder sogar für kleine Häuser eingesetzt werden können.

[Fortsetzung > Stromgewinnung und -speicherung in Tiny Houses]

Über den Gastautor

Buch_-Wohnmobile_selbst_ausbauen_und_optimieren_arUlrich Dolde ist Verfasser des Buches „Wohnmobile selbst ausbauen und optimieren – 1000 Tipps und Tricks für alle Wohnmobil-Selbstausbauer und Wohnmobil-Optimierer“, welches aufgrund der fundierten, umfassenden Abhandlung aller relevanten Themen gut und gerne als „Wohnmobil-Ausbau- und Optimierungs-Bibel“ bezeichnet werden kann und das inzwischen in einer 3. überarbeiteten und erweiterten Auflage erschienen ist. Das Buch ist als Hardcover-Version mit 512 Seiten zum Preis von € 67,90 (versandkostenfrei nach D und A) oder als E-Book für € 38,90 erhältlich – jeweils mit Online-Zugang zu digitalen Planungstools.

Der Autor, der dank der geländegangigen Lkw-Basis seines Wohnmobils gemeinsam mit seiner Frau bevorzugt in nordafrikanischen Wüstenregionen herumkurvt, plaudert in unserer sechsteiligen Artikelserie sehr anschaulich aus dem Nähkästchen: In seinem selbst ausgebauten Wohnmobil hat er auf 8 m² alles untergebracht, was man zum Leben braucht. Und da es, gerade was die Technik in Sachen Strom-, Wasser- und Heizungsinstallation anbelangt, im Wohnmobil-Sektor eine Vielzahl von technischen Lösungen gibt, die sich auch im Tiny House anbieten, wenn nicht sogar aufdrängen, sind seine Tipps sicher auch für unsere Leser besonders wertvoll.

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